Leseprobe:

DAS MÄDCHEN AUF DER ANDEREN SEITE

PROLOG
Atmen ist das Ergebnis einer koordinierten Muskeltätigkeit. Wir müssen atmen, um zu leben. Den angeborenen Atemreiz können wir nicht unterdrücken, wie zum Beispiel das Niesen oder das Husten. Wenn der Reiz kommt, strömt Luft über die Atemwege in unsere Lungen. Wenn wir aber unter Wasser sind, haben wir ein Problem. Unser Verstand weiß, dass wir nicht einatmen dürfen. Er sorgt dafür, dass wir so lange wie möglich die Luft anhalten und den Drang zu atmen unterdrücken.
Bis wir nicht mehr können. Und schließlich Luft holen müssen.
Das dauert bei einem Erwachsenen bis zu vier Minuten. Bei einem Kind geht es wesentlich schneller.
Ich sehe sie förmlich vor mir. Das Mädchen sitzt in der Wanne zwischen aufgetürmtem Badeschaum und spielt mit bunten Plastikfiguren. Die Luft riecht nach Heublumen. Ihre braunen, schulterlangen Haare sind feucht. Sie kleben an ihrem vom Badewasser gut durchbluteten Rücken. Sicherlich denkt sie keinen Moment daran, was passieren könnte. Dafür ist sie noch zu klein.
Ihre Mutter kommt herein, kniet vor der Wanne, verwickelt sie in ein Gespräch und legt ihr dann die Hand um den Hals. Ganz plötzlich. Die Mutter hat sich Mut angetrunken. Ihr Atem riecht nach Schnaps. Aber das bemerkt die Kleine nicht mehr. Da wird ihr Kopf bereits unter Wasser gedrückt, und der Kampf gegen den Drang zu atmen beginnt.
Ich bin mir ziemlich sicher: Sie muss die weit aufgerissenenAugen ihres Kindes gesehen haben. Die Angst darin. Das Unverständnis.
Warum tust du mir das an? Hat sie ihn, den verhassten Erzeuger, in ihren Augen gesehen? Sie muss das hohle Trampeln der Beine auf dem Wannenboden gehört haben. Sie muss dieses Stakkato in ihrem Kopf gespeichert haben. Ob sie wollte oder nicht. Vielleicht hat sie die Augen aber auch geschlossen, damit
sie es nicht mit ansehen muss und sie diese Bilder für den Rest ihres Lebens verfolgen.
Auch wenn es mir schwerfällt: Ich kann mir vorstellen, wie der sich windende, tobende Körper weiter unter Wasser gedrückt wird. Und die Mutter darauf wartet, dass es endlich vorbei ist und kein Sauerstoff mehr in den Lungen verbleibt.
Der Brustkorb hebt sich mit einem Mal an, und der schmale Körper krampft sich zusammen. Der Mund, der eben noch fest zugepresst war, klappt jetzt jäh auf. Luftblasen sprudeln hervor. Begleitet von einem Gurgeln. Ein letzter Ruck geht durch den Körper. Alle Kraft und Spannung schwinden.
Dann ist es vorbei.
Die Mutter kniet noch einen Moment vor der Wanne. Erschöpft.
Verschwitzt. Der kleine Körper liegt nun reglos da. Das bewegte Wasser schaukelt sich zur Ruhe. Der Blick der Kleinen geht stumpf ins Leere. Ihr Mund ist geöffnet, als würde sie singen. Die braunen Haare schweben wie Tang im Wasser. Schmiegen sich mit den Bewegungen des Wassers um Gesicht und Hals, bis sie liegen bleiben. Ein paar Sauerstoffbläschen treten an den kleinen Nasenlöchern hervor. Halten sich dort am äußersten Rand und schweben dann sanft zur Wasseroberfläche, wo sie geräuschlos zerplatzen.
Schließlich steht sie auf und geht zu ihm nach nebenan.
Jetzt, wo alles vorüber ist und ich die Fäden in den Händen halte, verstehe ich, dass sie keine andere  Chance sah. Dass diese Tat für sie und ihre Tochter der einzige mögliche Ausweg war. Ein Satz, den sie zu mir sagte, ist mir stets präsent. «Ich habe ihr das Leben geschenkt. Und ich habe es ihr wieder genommen.»
Sie konnte nicht wissen, dass ihre Tochter zurückkehren würde, um dafür zu sorgen, dass diese Tat nicht ungestraft bleibt.
Diese Tat nicht und auch alle anderen nicht.
Und auch das kann ich verstehen.